Samstag, 14. April 2007

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Lieber Initiativkreis Kühr,

inzwischen liegen mir die beiden Flyer vor, die Ihr in dankenswerter Weise gemacht und gedruckt habt. Ich habe sie jetzt beide gelesen und will Euch dazu meine Eindrücke schreiben. Ich meine so: Beide Flyer sind echt schönstättisch, sie fordern zur Mitarbeit und Nachfolge in je anderer Weise heraus. Ich werde sie gut verwerten können, wenn ich auch selbst bei den Vorarbeiten kaum etwas beitragen konnte.

Der eine Flyer, im engeren Sinne schönstättisch, zeigt mehr eine Innenschau Schönstatts, was berechtigt ist. Er hebt aus der Lebensgeschichte von Fritz Kühr die beiden für die innere Geschichte Schönstatts bedeutenden Augenblicke heraus: die Mitwirkung von Fritz Kühr bei der Gründung des Familieninstitutes in Dachau 1942 und dann sein Lebensopfer 1950. Wenn ich es recht übermittelt bekommen habe, sind das die beiden Momente, die bisher vom Familienwerk am meisten in Blick genommen und aufgegriffen worden sind. Sie verweisen auf das unverwechselbare übernatürliche Gründungsgeheimnis Schönstatts und auf das Schönstattgeheimnis; wenn dieses nicht auch in Zukunft gesichert ist, dann ist Schönstatt bald ein Kind des Todes. Ich denke, daß ich zu diesem zentralen und geläufigen Punkt nichts mehr hinzufügen muß.

Der andere Flyer, auch echt schönstättisch, weitet den Blick nach außen. Auch das ist sehr berechtigt. Ich vergleiche seine Methode gerne mit jener, die unser Vater und Gründer angewandt hat, als er in den 20er und 30er Jahren seine endlos zahlreichen Kurse über Werktagsheiligkeit hielt und Schwester Annette Nailis beauftragte, den Inhalt in einem Buch zu veröffentlichen, in welchem Schönstatt und die Gottesmutter mehr in den Hintergrund treten. Das ist ja auch in dem Buch „Werktagsheiligkeit“ geschehen, und trotzdem bezeichnete der Gründer dieses Buch das erste und zentrale Schulungsbuch der Schönstätter, dem sich dann in Dachau das von ihm selbst diktierte zweite Lehrbuch über den zweiten Aspekt der Schönstätter Spiritualität hinzugesellte: zur Werktagsheiligkeit kam die Werkzeugsfrömmigkeit schriftlich lesbar hinzu ...

Am 21. August 2006 mußte ich die Gedenkrede halten zum Todestag von Pater Franz Reinisch. Erst 3 Tage vor dem Gedenktag wurde ich darum gebeten, da sich bisher angeblich kein Pater gefunden habe, der zur Gedenkrede bereit war. Kurzentschlossen nahm ich dann an und führte folgendes aus, worin ich nun eine Parallele zu den Bemühungen um Dr. Fritz Kühr sehe. Ich führte aus: Pater Reinisch ist nicht nur gestorben, sondern er hat auch gelebt; man müßte auch einmal intensiver herausarbeiten, was den lebenden Pater Reinisch als Schönstätter besonders ausgezeichnet hat. Dabei führte ich aus, wie er die Idee einer weltweiten Missionsbewegung von Schönstatt aus begriffen hatte und dafür etwas tat, und zweitens, wie er alles Apostolat mit dem Heiligtum in Schönstatt in Verbindung brachte.

Etwas Ähnliches sollte man wohl auch mit Dr. Kühr machen, also herausarbeiten, daß er nicht nur gestorben ist, sondern auch, daß er gelebt und gewirkt hat. Zu diesem Zusammenhang will ich einige ergänzende Anmerkungen machen.

Mir ist das Zitat aus dem Brief unseres Vaters vom 22.11.1946 an Fritz Kühr geläufig, das auch in dem Welt-Flyer abgedruckt ist:
„Gerne würde ich einmal ausführlicher mit Dir sprechen über Deine Auffassung von der Neugestaltung Europas und dem Aufbau einer neuen christlichen Gesellschaft. Wie ich höre, bist Du auf Deinem Fachgebiet ein gern gehörter Redner.“

Das war sicherlich keine freundliche Floskel oder eine pädagogische Maßnahme, um den Fritz Kühr in seinem Selbstwertbewußtsein zu bestärken. Denn das hatte Fritz Kühr wahrhaftig nicht nötig. Das war das ehrliche Suchen eines Gründers, der ein Leben lang – trotz seines Wissens um die eigene Sendung – überall nach Bundesgenossen und profilierten Mitarbeitern suchte.

Ein Beispiel dafür: Dieser Tage fuhr ich durch Freiburg im Br. Da erinnerte ich mich daran, wie Pater Kentenich Anfang der 20er Jahre seine junge Bewegung in eine Partnerschaft brachte mit der „Freien Vereinigung für Seelsorgshilfe“ in Freiburg. Dahinter steckte eine Doppelstrategie: In Schönstatt sollen die Leute, insbesondere die Frauen, einen apostolischen Geist lernen, und für ihre methodische Ausbildung im Apostolat sollen sie von der fachkompetenten Einrichtung in Freiburg profitieren. (Daß diese Konzeption damals dann nicht recht funktionierte, steht auf einem anderen Blatt, doch sagt der Mißerfolg nichts gegen die Suche des Gründers nach geeigneten Bundesgenossen.)

Wie sehr Pater Kentenich den Fritz Kühr schätzte, geht aus dem Brief jenes verwandten Pallottiners (eines Neffen) hervor, der in seiner Würdigung seines Onkels Fritz Kühr am 19.12.1950 schrieb:

„In Schönstatt habe ich Näheres über Onkel Fritz und seinen Heimgang erfahren ... Im vorigen Jahre hatte auch P. Kentenich aus Schönstatt unsern Onkel Fritz besucht, weil er damals in Südamerika weilte. Er kannte ihn ja von Dachau her. P. Kentenich schätzte Onkel Fritz sehr hoch. Er sagte mir, daß Onkel Fritz ein genial intelligenter Mensch gewesen sei. Von verschiedenen Seiten habe man sich bemüht, Onkel Fritz für große Aufgaben zu gewinnen. So wollte ihn der Bischof von Aachen für den Wiederaufbau des Volksvereins haben. Der Bischof von Fulda hätte ihn gerne gehabt, damit er in seiner Diözese sich der religiösen Betreuung der Männer besonders annehme. Ein anderer Pater erzählte mir, wie er Onkel Fritz gelegentlich bei einem Vortrag zugehört habe, den er über Wirtschaftsfragen vor einem ausgesuchten Publikum gehalten habe. Er sei erstaunt gewesen, mit welcher Sachkenntnis aus allen Gebieten Onkel Fritz da gesprochen habe.“

Es ist sicherlich eine der endlos vielen göttlichen Fügungen in der Schönstattgeschichte und in der Lebensgeschichte unseres Vaters und Gründers, daß diese beiden herausragenden Persönlichkeiten in Dachau zusammenfanden und sich gegenseitig entdeckten.

Man muß unbedingt die Frage beantworten, was unseren Gründer bewogen hat, gerade in der Person von Fritz Kühr jenen Menschen zu entdecken, mit dem zusammen er den Beginn für das Familieninstitut setzen konnte. Spätestens seit 1916 oder 1917 war Pater Kentenich bewußt, daß die Zukunft der Kirche und Gesellschaft von vielem, jedoch nicht an letzter Stelle von der Gesundung der Familien in der Kirche und in der Gesellschaft und im Staat abhängen wird. In den 20er und 30er Jahren wuchs zunehmend eine breite Familienbewegung von Schönstatt aus, wie ich ja in meiner Studie zu den Anfängen der Männer- und Familienbewegung darstellen konnte. In all diesen Jahrzehnten gab es Männer, Frauen, Familien, die (abgesehen von Patres, Priestern und Laien) der Familienbewegung dienten. Tatsache ist, daß unser Vater in diesen ganzen Jahrzehnten offensichtlich nie die Möglichkeit fand, die „Spitzenleistung“ eines Familieninstitutes zu gründen, aus welchen Gründen im einzelnen auch immer. In Dr. Fritz Kühr fand er nun einen Mann, der ihm in diesem Anliegen nicht nur als ein williges Werkzeug zugespielt wurde, sondern als ein kongenialer und von der Vorsehung präzise vorbereiteter Mitgründer. Beide waren füreinander wie geschaffen.

Will man diese meine Behauptung nachprüfen und verstehen, dann muß man unbedingt die Vorgeschichte von beiden Partnern kennen und zielgerichtet untersuchen.

Ob sich die beiden Partner vor Dachau schon mal begegnet sind, wenn auch nur flüchtig, ist eher unwahrscheinlich. Sicher ist hinsichtlich der äußeren Fakten folgendes:

Dem Ehepaar Kühr war Schönstatt längst vor Dachau bekannt. Die Lehrerin Helene Kühr kannte die Schönstätter Schwestern spätestens seit Anfang der 30er Jahre; aus einem Brief von Fritz Kühr vom 7. März 1934 aus Johannesburg geht hervor, daß sie besonders gut eine näher nicht bezeichnete Marienschwester namens „Maria“ kannte und sich dafür interessierte, ob diese nun mit den ersten Schönstätter Schwestern nach Kapstadt komme. Er schreibt ja in dem genannten Brief so:

„In der Zeitung sehen wir, daß Schönstätter Schwestern nach Südafrika kommen. Ist etwa Maria dabei? Die Pallottiner Patres sind in der Kapp-Provinz. Bischof Hennemann in Cape Town ist Pallottiner.“

Schon aus einem vorausgegangenen Brief, den die Kührs noch während der Schiffsreise geschrieben hatten, geht hervor, daß sie in Kapstadt Bischof Hennemann treffen wollten. Nun muß man wissen, daß Bischof Hennemann einer der großen Wohltäter Pater Kentenichs war, ohne den 1919 die Freistellung Pater Kentenichs zum Aufbau einer eigenständigen Bewegung kaum gelungen wäre. Bischof Hennemann war während des Ersten Weltkrieges zahllos oft in Schönstatt gewesen und hat dort immer wieder mitgewirkt, zum Beispiel durch die Firmung der Klasse mit Josef Engling. Er war es auch, der von Pater Kentenich die Entsendung der ersten Marienschwestern nach Südafrika erbeten hat, weshalb dann im Dezember 1933 die ersten Marienschwestern als Missionarinnen von Schönstatt aus auszogen. Abgesehen von diesen Einzelheiten gehört es zum Typ eines Dr. Fritz Kühr, daß er in seinen aktiven Jahren in Deutschland selbstverständlich wachen Auges verfolgte, was in der Kirche vor sich ging und welche Personen und Strömungen von nachhaltiger Wirkmacht sind. Es ist selbstverständlich, daß ihm dabei bei all seinen Kontakten mit Priestern und Bischöfen eine aufkommende Bewegung wie Schönstatt nicht entgangen sein kann.

Umgekehrt ist es absolut sicher, daß unserem Vater und Gründer all jene Themen und Anliegen mehr als geläufig waren, für welche sich Fritz Kühr einsetzte. Ob ihm in dieser Zeit vor Dachau der Name und die Person eines Dr. Fritz Kühr begegnet ist, ist nicht bekannt. Die Themen und Anliegen waren es jedoch sehr wohl. Das müßte jetzt im einzelnen dargestellt werden, was natürlich einer umfangreichen Studie bedarf. Hier nur so viel:

In seinem großen Brief des Jahres 1956 an den Generalobern der Pallottiner, P. Möhler, bezeugt Pater Kentenich, daß er geistig schon im Jahre 1919 in „weltweiten Konzeptionen“ lebte, danach jedoch in einer konkreten Strategie Stückchen für Stückchen zu realisieren versuchte.

Die „weltweite Konzeption“ beschrieb Pater Kentenich dann später einmal im Oktoberbrief 1948 so:

„Die christliche Zukunftsvision ist eine universelle Vision, die Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits, wirtschaftliche, politische, sittliche und religiöse Nöte aller Menschen, auch der Enterbten, der Millionen-Massen umfaßt.“


Und dann schreibt er über die Sendung Schönstatts im Rahmen dieser christlichen Zukunftsvision die erschreckenden Sätze:

„Schönstatt sucht das Verhältnis von Persönlichkeit und Gemeinschaft, Persönlichkeit und Wirtschaft, Persönlichkeit und Technik, Persönlichkeit und sozialem Aufstieg aus den Urprinzipien des Christentums“ heraus lösen zu helfen.

Noch im Jahre 1963 legte mir Pater Kentenich in Milwaukee dar, daß eine ganze Anzahl der von ihm angestrebten Ziele noch keine engagierten Mitstreiter gefunden habe. Er führte mir besonders drei Bereiche aus: der psychotherapeutische Bereich, der pädagogische Bereich der
Kindererziehung in den Familien, und dann als dritten Bereich den sozialen. Damit meinte er all das, was in der Schönstattgeschichte eigentlich nur verbunden ist mit dem Namen und der Person und Lebensleistung von Dr. Fritz Kühr.

Man muß nachsichtig sein, wenn die Schüler und Gefolgsleute unseres Vaters die Sendung immer ein wenig verkleinern und halt nur die eine oder andere Aufgabe anpacken können. In Dachau hat unser Vater sicherlich sehr schnell entdeckt, daß Fritz Kühr Fachmann ist nicht nur für das Innenverhältnis von Eheleuten in einer Familienbewegung, auch nicht nur den Blick hat für die Notwendigkeit von Familienerziehung, sondern daß er einen genialen Blick hat für das Rahmenprogramm von Familie, nämlich für „das Verhältnis von Persönlichkeit und Gemeinschaft, Persönlichkeit und Wirtschaft, Persönlichkeit und Technik, Persönlichkeit und sozialem Aufstieg aus den Urprinzipien des Christentums“.

Fritz Kühr hatte sich in den 30er Jahren begeistert und stark eingesetzt für die Umsetzung des sozialen Gesellschaftsbildes der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“. Selbstverständlich war unserem Vater die konkrete Konzeption jener Enzyklika aus der Feder letztlich des Papstes mehr als geläufig. Eine ganz andere Frage ist es, ob jene berufsständische Ordnung der Enzyklika wirklich das letztgültige Leitbild für die Gestaltung der Struktur der Gesellschaft in der Zukunft sein soll. Spätestens nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945 war klar, daß alle Fragen nach der Struktur der Gesellschaft, in welcher Familien ja leben müssen, neu gestellt werden müssen. Und deswegen ist es auch verständlich, daß unser Vater 1946 mit Fritz Kühr darüber reden wollte, wie er sich die Neugestaltung Europas vorstelle, sowohl wirtschaftlich wie politisch wie gesellschaftlich. Konkrete Vorstellung konnte unser Vater zu dieser Zeit auch nicht haben und hat solche bis zum Ende seines Lebens auch nicht gewonnen. Aber eines ist klar: außer Fritz Kühr hätte unser Vater 1946 innerhalb Schönstatts auch keinen gleichrangigen Gesprächspartner in diesen anstehenden Fragen gefunden, es gab keinen. Und das ist das bedeutsame bei Fritz Kühr: er saugte wie ein trockener Schwamm die theologischen, religiösen und aszetischen Weisheiten unseres Vaters in Dachau (während seines Noviziates) auf, weil er da einen Mangel hatte und in Pater Kentenich einen überlegenen Lehrer fand; aber auf der anderen Seite war er Pater Kentenich in dem Interesse für wirtschaftliche, politische und soziale Gestaltung der Rahmenbedingungen für Familie gewachsen und ein kongenialer Gesprächspartner. Unserem Vater imponierte sein sachgerechtes Profil, das verbunden war mit einem hohen Maß an religiöser Schlichtheit und einer beachtlichen Ferne aller Selbstgerechtigkeit und Arroganz gegenüber, die nichts mehr dazulernen will.

Ich selbst werde Fritz Kühr immer mehr im Rahmen der Männerbewegung künden, also bei jenen, die ja nicht nur das Innenverhältnis von Ehe und Familie sehen und beachten wollen, sondern auch die drängenden Bedürfnisse der Rahmenbedingungen für Ehe und Familie und Gesellschaft. Es ist schon eine eigenartige Fügung der göttlichen Vorsehung, daß die Gründungsstunde des Familieninstitutes zusammenfällt mit der Gründungsstunde der Spitzenleistung der Männerbewegung. Beide Gründungen sollten dauernd voneinander lernen und einander ergänzen und befruchten, denn die menschlich verständliche Gefahr ist halt immer jene der Verengung und Einseitigkeit. Das zeigt ja auch die Geschichte der beiden Gründungen seit 1942 bis heute, nicht zuletzt auch die Geschichte des Familieninstitutes bis heute.

Herzlichen Gruß, Pater Heinrich Hug

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